Niedrigzinsumfeld verhindert notwendige strukturelle Anpassungen in Unternehmen

Hamburg, 30. April 2018.

Positive Konjunkturentwicklung und Finanzierungsumfeld führen zu geringem Insolvenzrisiko

Die EZB flutet die Märkte seit Jahren mit billigem Geld. Der Zinssatz für Banken liegt seit 2014 bei 0,0% und seit 2016 werden Geschäftsbanken mit einem Negativzins i.H.v. -0,4% sogar für ihre Geldeinlagen „bestraft“. Eines ihrer Ziele hat die EZB damit tatsächlich erreicht, nämlich die Kreditvergabe von Banken an Unternehmen anzukurbeln. Seit Mitte 2014 ist die Kreditvergabe in Deutschland kontinuierlich gestiegen, zuletzt um 1,3% im 4. Quartal 2017. In Folge der Finanz- und Staatsschuldenkrise 2011-12 kam es in den Vorjahren zu einem starken Rückgang der Kreditvergabe, von dem aber sechs Jahre später nichts mehr zu spüren ist. Insgesamt sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland äußerst positiv: neben der gesteigerten Kreditvergabe drücken dies auch andere Indikatoren wie Arbeitslosenzahlen oder Konjunkturerwartungen aus. Der aktuelle ifo-Geschäftsklimaindex befindet sich weiterhin auf hohem Niveau in der Kategorie „Boom“.

Die wirtschaftliche Entwicklung spiegelt sich auch bei den Unternehmensinsolvenzen wider. Gemäß den von Creditreform veröffentlichten Zahlen war 2017 das achte Jahr in Folge, in dem die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zur Vorperiode rückläufig ist (zuletzt um 6,8 % auf rund 20.100). 

Abb. 1 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland

Nach Ansicht von Experten wird sich diese Entwicklung auch im Jahr 2018 fortsetzen. Gestützt durch niedrige Zinssätze, ein stabiles Konsumverhalten sowie insgesamt wachsende Export-Erlöse deutscher Unternehmen sind die Rahmenbedingungen so gut, dass mit einem weiteren Rückgang der Unternehmensinsolvenzen zu rechnen ist. Doch es mehren sich die Zeichen, dass bei bald eine Trendwende erreicht sein könnte. In England und in den USA ist die Anzahl der Insolvenzen im Jahr 2017 bereits gestiegen.

Für die Liquiditätssituation von Unternehmen – und damit dem Insolvenzrisiko – ist der Refinanzierungszinssatz ein wichtiger Faktor. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Creditreform hat gezeigt, dass 15% der fremdfinanzierten Firmen im Betrachtungszeitraum 2014 bis 2016 nicht in der Lage waren, ihre Zinsen aus dem operativen Geschäft zu verdienen - trotz der guten konjunkturellen Lage. Tilgungszahlungen dürften damit nur stark eingeschränkt möglich gewesen sein. In einer Szenarioanalyse wurden auf Basis der Bilanzdaten von rund 7.400 Unternehmen außerdem Auswirkungen einer EZB-Zinserhöhung auf die Schuldentragfähigkeit deutscher Unternehmen untersucht. In dem von Creditreform untersuchten Szenario einer möglichen Zinserhöhung um drei Prozentpunkte würde fast jedes fünfte Unternehmen (19,3%) keine adäquate Zinsdeckung mehr erreichen.

Abb 2 Krisenverlauf und Zombies

Der Befund ist bemerkenswert, denn trotz der positiven Rahmenbedingungen haben bereits jetzt 15% der Unternehmen im aktuellen Niedrigzinsumfeld keine ausreichende Schuldentragfähigkeit und müssen mit ihrer Bank über Stundungen der Zinsen oder andere finanzielle Restrukturierungsmaßnahmen verhandeln. Bei einer Zinserhöhung würde der Anteil um 4 Prozentpunkte ansteigen. Ein Ausweg wäre den Kapitaldienst aus noch verfügbaren Cash-Reserven zu leisten. Wenn dies nicht gelänge, wären sie zahlungsunfähig. Diese Unternehmen werden umgangssprachlich als „Zombies“ bezeichnet, da sie operativ eigentlich nicht überlebensfähig sind.

Die Bundesbank definiert Zombie-Unternehmen als solche, die über drei Jahre in Folge ihre Zinsaufwendungen (einschließlich zinsähnlicher Aufwendungen) durch das Betriebsergebnis vor Zinsen (EBIT) nicht decken können. Dabei kommt die Bundesbank auf Grundlage ihrer Bilanzdatenbank zu niedrigeren Zahlen als die Creditreform: es werden 4,7% der deutschen Unternehmen in 2015 als Zombies klassifiziert. Ein Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse sind die Datenquellen: die Bundesbank hat Zahlen aus der Bilanzdatenbank der Bundesbank verwendet, während Creditreform sich auf die Dafne Datenbank stützt.

Niedrigzinsumfeld reduziert Handlungsdruck für Veränderungsprozesse

Die Gründe auf Unternehmensebene für eine schwache Ertragslage sind oftmals Fehlinvestitionen, veraltete Produktionsmittel, nachteilige Führungs- oder Gesellschafterstrukturen oder ein veraltetes Geschäftsmodell in einem sich durch technologischen Wandel schnell und radikal wandelnden Umfeld. Dadurch sind diese Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig und der operative Ertrag reicht nicht aus, um Zins- und Tilgungen zu decken.

Einige dieser Unternehmen durchlaufen strukturelle Veränderungen und Anpassungen, die eine langfristige Neuausrichtung ermöglichen. Dies sind die Erfolgsgeschichten von morgen. Auf dem Weg dahin müssen jedoch häufig schmerzhafte aber im Ergebnis notwendige Veränderungsprozesse durchlaufen werden. Andere sind wiederum nicht sanierungsfähig und werden daher im Rahmen einer Marktbereinigung ihr Geschäft früher oder später einstellen (Vgl. Abb. 3). Solange das Finanzierungsumfeld positiv ist, besteht allerdings wenig Handlungsdruck, Veränderungsprozesse einzuleiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Im Ergebnis verringert das Niedrigzinsumfeld den externen Handlungsdruck, notwendige Anpassungen und Innovationen umzusetzen.

Abb 3 Klassifizierung Zombies

Momentan werden diese operativ unzureichend aufgestellten Unternehmen teilweise durch das billige Geld am Leben erhalten. Wenn sich das Zinsumfeld verändert und sich die Refinanzierungsbedingungen normalisieren werden viele dieser Zombie-Unternehmen als erste spürbare Probleme bekommen. Viele Experten rechnen bereits 2019 mit einer EZB-Zinserhöhung. Laut einer Umfrage unter 100 führenden Ökonomen wird die EZB im zweiten Quartal 2019 den Einlagensatz erstmals erhöhen. Die Erhöhung des Leitzinses wird Ende 2019 erwartet. 

Veränderungsbereitschaft herstellen und ein Change-Programm entwickeln

In wirtschaftlich guten Zeiten fehlt oft die Motivation Veränderungsprojekte anzugehen, da kein unmittelbarer Handlungsdruck vorhanden ist. Krisenanzeichen sind teilweise lediglich diffus erkennbar. Fehlen geeignete Steuerungsinstrumente (z.B. Kostenrechnungssystem oder Kennzahlen zu Deckungsbeiträgen oder Reklamationsquoten) ist die Entwicklung schwer nachvollziehbar. Gleichzeitig verändert sich das Wettbewerbsumfeld mit hoher Geschwindigkeit. So lange noch keine akute Liquiditätskrise herrscht, bestehen gute Chancen auf eine erfolgreiche Transformation und eine Anpassung des Geschäftsmodells – vorausgesetzt es werden im Unternehmen rechtzeitig die richtigen Weichen gestellt. Dies sollte einem systematischen Ansatz folgen. Neben einer Identifikation wesentlicher Stärken und Schwächen sollte ferner eine Veränderungskultur entwickelt werden, die Grundlage für eine erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen ist.

Zusammenfassung

  1. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen bleibt voraussichtlich auch im Jahr 2018 rückläufig (Prognose: unter 20,000 in 2018).
  2. Etwa 5-20% der deutschen Unternehmen (je nach Definition, Datenbasis und statistischer Methode) sind „scheintot“ (sog. Zombies), deren Existenz nur durch das Niedrigzinsumfeld ermöglicht wird.
  3. Das Niedrigzinsumfeld verringert den Handlungsdruck für notwendige Anpassungen an das sich veränderte Wettbewerbsumfeld.
  4. Die EZB-Niedrigzinspolitik hält voraussichtlich bis zum Ende des Jahres 2019 an, was die Refinanzierung von Unternehmen erleichtertet
    (Prognose: Leitzins bei 0% bis zum 4.Q.2019).
  5. Transparenz über die aktuelle Situation und ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft sind wichtige Voraussetzungen für betroffenen Unternehmen, den verbleibenden Zeitraum für die Identifikation und Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen zu nutzen. Dies sichert den Erfolg auch in Zeiten steigender Zinsen.

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